*** Ein paar Gedanken zur Schweizer Radiolandschaft ***
„Das gibt es nur bei uns: Die grössten Hits der 80er und 90er sowie das Beste von heute." So und ähnlich tönt es landauf landab, wenn eines der zahlreichen Privatradios seiner Hörerschaft verkündet, dass es unter allen Konkurrenten das beliebteste und ausgewogenste Programm ausstrahlt. Die vermeintlich exklusive Musikauswahl ist selbstverständlich nur vorgegaukelt, denn die „grössten Hits" zählen längst zum Standard-Repertoire jedes halbwegs kommerziell ausgerichteten Rundfunks. Im Fachjargon nennt man diese Sender ohne jeglichen Ecken und Kanten „Formatradio". Die einzelnen Programmanteile - etwa wie viele Schweizer Titel, wie viele Hitparaden-Songs und wie viele Lieder älteren Datums - sind meist auf die Prozentzahl exakt vorgegeben.
Die neuste Untat der Formatradios ist es, jetzt auch gewisse Songs nach bestimmten Kriterien zu verändern. Ein Beispiel: Die Redaktion des Berner Kanals „BE 1" scheint entdeckt zu haben, dass die Sparte Rock bei jungen Hörern ziemlich hoch im Kurs steht und berücksichtigt diese Musik dementsprechend. Gleichzeitig will man aber anscheinend die etwas älteren Zuhörer nicht mit all zu ausgefallenen Gitarrensolos schocken. Als Lösung werden letztere unverblümt weggeschnitten. Bei „Dani California" der Red Hot Chili Peppers fehlt etwa die ganze letzte Minute, das 9-Minuten-Epos „November Rain" von Guns‘n'Roses dauert in der BE 1-Version sogar nur 4,5 Minuten. Was hier geschieht, ist eine regelrechte Verstümmelung von Musik, ja eine Kastration von gitarrengeprägten Songs.
Weniger streng in Sachen Zensur sind die Radiosender, wenn es um die Songtexte geht, so etwa auch beim öffentlich-rechtlichen Spartenkanal der SRG namens Radio Swiss Pop. Da ist es schon einmal möglich, dass mitten am Nachmittag der Song „Fuck it" von Eamon läuft - und dies gänzlich ungeschnitten. Sinn und Inhalt des Lieds kommen dem Titel sehr nahe. Dass der Text auf Englisch ist, schmälert seine Vulgarität nicht; verstanden wird er wohl ohnehin von den meisten. Ohne Übertreibung lässt sich also sagen, dass in der Schweizer Radiolandschaft einige „Fucks" weniger problematisch eingestuft werden als ein paar progressive Gitarrenriffs. Wer sich künftig wundert, dass Teile der Jugend eher unmusikalisch wirken, dafür umso besser fluchen können, sollte sich einen der genannten Radiokanäle einschalten - und ihn dann am besten ganz schnell wieder ausschalten.
Gabriel Berger
Zäppu – der Mann mit dem sonnig-goldenen Herzen für die Musik und seine Freunde! Weiter so! Und besten Dank für Alles!!
Gitarrist, Fender Stratplayer of the year 2004