Als der Gymnasiast Walter Bartlome Anfang der 80er-Jahre begann, im Zig Zag als Aushilfe Vinylplatten zu verkaufen, dachte er nie im Traum daran, dass er 1994 über Nacht Geschäftsführer des legendären CD-Ladens in Thun werden würde. Doch rollen wir die Geschichte von Zig Zag Records von hinten auf - und zeigen, was bekannte Grössen der Musikszene wie Gurtenfestival-Organisator Philippe Cornu und den Steffisburger Musiker Andreas Zäppu Grossniklaus im «Ziger» in der Thuner Altstadt verbindet.
Revolutionärer Disco-Markt
Einst befand sich in der Unteren Hauptgasse 22 ein Coiffeur-Laden, danach eine Metzgerei - und ab 1978 wurde das schmale Haus zu einem Treffpunkt von Musikfans: Max Witschi, damals Inhaber des Schallplattenvertriebes Poplight Records und heute Feng-Shui-Berater und Naturheiler in Thun, eröffnete den Disco-Markt. Die Jungen durften die Platten selber auflegen und im Laden sogar rauchen; sie trafen sich dort und diskutierten über Gott, die Welt und die Musik. «Das war in Thun revolutionär», erinnert sich Zäppu, der damals noch ein Schüler war. Im Disco-Markt habe er sich wie zu Hause im Wohnzimmer gefühlt. «Wir waren süchtig nach Musik», weiss Grossniklaus. Vorher hätten die Jungen lediglich in der EPA, im Loeb und im Radio Moser Musik hören können. «Die Damen legten uns zwei, drei Platten auf und verjagten uns gleich wieder. Sie wollten nicht, dass wir den ganzen Nachmittag bei ihnen nur herumhängen.»
Wascheli tauft ihn Zig Zag
Nach ein paar Jahren verschärften die grossen Plattenvertriebe ihre Konditionen, und Max Witschi sah sich gezwungen, seine Läden zu verkaufen. So gelangte der Kultladen gegen Ende der 70er-Jahre an Martin Gerber, bekannt als Wascheli. Dieser suchte nach einem neuen Namen für das Geschäft, las auf einer Toilette das englische Musikmagazin «ZigZag» - und taufte den Disco-Markt um in Zig Zag Records. An der Theke legte Wale Bartlome neben Studium und Handelsschule immer noch als Aushilfe Platten auf. Und Zäppu Grossniklaus,mittlerweile Mitarbeiter von Poplight Records, betreute und belieferte Zig Zag und andere Geschäfte mit Platten. Und dies, bis er sich 1984 als Musiker selbstständig machte. Später rief er sein eigenes Geschäft Unisono inSteffisburg ins Leben, und seither bringt er anderen dort bei, wie die Saiten an der Gitarre zu zupfen sind, repariert und verkauft Instrumente. Heute hat Zäppu zwölf Musiklehrer angestellt, die 200 Personen jeglichen Alters unterrichten. «Der ‹Ziger› war Kult», sagt Zäppu, so genannt, weil er als Jugendlicher ein grosser Frank-Zappa-Fan war.
Phibe stösst dazu
Als Wascheli Gerbers Partner 1983 ausstieg, suchte er einen Nachfolger - und fand ihn in Phibe Cornu, damals in der Schweizerischen Käseunion für die Werbung von Appenzeller Käse verantwortlich. Zwei Jahre später gründeten die beiden eine AG, die Zig Zag Records & Fashion AG. Sie verwandelten den Treffpunkt immer mehr zu einer Drehscheibe von jungen Musikfans und förderten die langsam entstehende DJ-Kultur. Mit einem Car reisten die Music-Maniacs mit dem Lokalmatador, DJ Keys Christian Knutti, nach Zürich an die DMC DJ Championship. «DJ Keys zeigte mit akrobatischen Künsten an den Plattentellern, wer der Beste ist, und räumte am Wettbewerb ab», erinnert sich Cornu. 1986 begannen Wascheli, Phibe undWale, der immer noch als Aushilfe zur Zig-Zag-Crew gehörte, neu auch Konzerte im heutigen Tertianum-Saal und das Schadau-Open-Air-Festival zu organisieren, um Stars in die Provinz zu bringen: «Von 1986 bis 1998 holten wir auch internationale Künstler wie die britische Sängerin Carmel, Manfred Mann's Earth Band, Jon Lord von den Deep Purple und andere nach Thun», sagt Cornu.
Die CDs und der Abstieg
Parallel dazu verdrängten die CDs die Vinylplatten, andere CD-Läden drängten auf den Markt und Zig Zag bot für Konzerte neu den Billettvorverkauf an. Dann kam das Schicksalsjahr 1991. Der Irak-Krieg und die damalige Wirtschaftskrise brachen aus und City Disc eröffnete in Thun eine Filiale. Zig Zag verlor praktisch von einem Tag auf den anderen fast 40 Prozent seiner Kundschaft. Wascheli Gerber, der wirtschaftlich Denkende im Team, zerbrach am Druck und an der Angst vor dem Konkurs. Er tauchte unter und gilt noch heute als verschollen. Nicht nur dies, 1994 stieg Phibe Cornu im operativen Bereich aus: Er fand in Carlo Bommes einen neuen Mann für die AG, in welcher noch heute beide engagiert sind, und arbeitete ab 1994 als Festangestellter bei der Berner Konzertagentur Music Service. Sein Auftrag war, mitzuhelfen, das Gurtenfestival neu aufzugleisen. Als die Agentur 1998 in dieser Form aufgelöst wurde, gründeten Cornu und Bommes die Eventagentur Appalooza Productions GmbH. Dies mit dem Ziel, das Gurtenfestival weiterzuführen, welches noch heute fest in ihren Händen ist, wie seit 2003 auch das Konzertlokal Bierhübeli in Bern.
Wale wird Chef im «Ziger»
Der Weggang von Cornu war der Moment, in dem Wale Bartlome von einem Tag auf den anderen Geschäftsführer von Zig Zag wurde. Der damals 29-Jährige führte den Laden mit der Lehrtochter Ruby Hartmann weiter, welche dieselbe Musikangefressene und heute seine rechte Hand ist. Wale wuchs in der einstigen Dachwohnung des Thuner Rathauses auf, wo sich heute die Kulturabteilung befindet. Sein Vater war während 30 Jahren der stadteigene Briefträger und Rathaus-Abwart. «Ich habe mich im Zig Zag verloren und wieder gefunden», schaut Wale Bartlome zurück. Er sei in dieser Zeit ein ungemütlicher Workaholic gewesen. Nebenbei engagierte er sich Anfang der 90er-Jahre während einiger Jahre als Präsident des Trägervereins für das zweite Kultlokal in Thun, das «Mokka». Und mit dem Steffisburger DRS3-Radiomoderator Reeto von Gunten produzierte er für den mittlerweile eingestellten Telefonrundspruch eine wöchentliche Radiosendung.
Unabhängig und gestärkt
Bis zum dreiwöchigen Umbau im Januar 2005 erlebte Walter Bartlome die Jahre zuvor Höhen und Tiefen. Der heute 44-jährige Familienvater behauptete sich gegen die Konkurrenz im Internet, überlebte die mittlerweile geschlossenen Geschäfte City Disc und Radio Moser. Er legte ein kleines Lager an Vinylplatten an und machte aus dem Zig Zag das, was er heute ist: einer der letzten unabhängigen Vollanbieter in der Schweiz - und wagt sogar einen Schritt nach vorne. Im August stellt er mit der Tochter von Zäppu, Marina Grossniklaus, sogar eine zweite Lehrtochter an, welche die Zig Zag Records AG nebst Miriam Keusen und Ruby Hartmann beschäftigen wird. «Mit Marina schliesst sich quasi der Kreis zu den Anfängen, als Zäppu noch in den Disco-Markt kam, um Musik zu hören», sagt Walter Bartlome.
Von Klassik bis Hip-Hop
Ruby Hartmann und Walter Bartlome kennen praktisch alle 25'000 CDs im Laden - ob Schlager, Klassik oder Hip-Hop: «Wale ist ein wandelndes Musiklexikon», sagt der heute 50-jährige Philippe Cornu. «Noch heute sagen wir bei Appalooza, wenn wir etwas nicht wissen: ‹Frag doch Wale!›» Bartlome betreibe und studiere Musik wie ein Wissenschaftler. Er habe dem Zig Zag von Beginn an eine Art professoralen Charakter gegeben. «Ob die Grossmutter aus dem Simmental oder der Heavy-Metal-Fan aus Thun ein Lied vorsingt oder sucht: Wale weiss die Antwort», sagt Cornu. «Ohne ihn gäbe es Zig Zag nicht mehr. Und solange die Leute trotz Internet noch etwas in der Hand halten wollen und persönliche Beratung suchen, gibt es den ‹Ziger›.»
Franziska Streun
Zäppu & Unisono ist die Geschichte von einem meiner besten Kunden, zum guten Freund, zum Mitbewerber und später erneut zum guten Kunden, aber vor allem immer noch guten Freund. Zäppu hat es mit seinem Charisma im Unisono in Kürze geschafft, zum Mekka der Musikszene zu avancieren und dies vor allem auf kollegialer und freundschaftlicher Basis, weit über die wirtschaftlichen Interessen hinaus!
Musiker und "Familienmitglied" der Roland Corp.